Dr. Martin Löhr im Patientengespräch

Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium

Behandlung von Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium

Nicht bei allen Patienten wird Prostatakrebs rechtzeitig erkannt. In diesen Fällen ist es unter Umständen bereits zur Ausbildung von Tochtergeschwülsten, sogenannten Metastasen, gekommen. 
In solchen Fällen ist eine vollständige Heilung kaum noch möglich. Allerdings sind medikamentöse und ergänzende Behandlungen sinnvoll, die die Symptome lindern oder beseitigen, Komplikationen unwahrscheinlich machen oder verzögern und die Lebensqualität insgesamt deutlich verbessern. 
So besteht auch bei nicht-heilbaren Stadien des Prostatakrebses die Möglichkeit, zunächst eine medikamentöse Verkleinerung des Tumors zu erreichen. Im weiteren Verlauf kann mit einer schonenden Greenlightlaser-Behandlung die Prostata so verkleinert werden, dass Probleme beim Wasserlassen gelindert oder komplett beseitigt werden. 
Nach entsprechender Abheilung kann zusätzlich eine HIFU-Therapie der tumorösen Prostata-Anteile unter Schonung des Kontinenz-Schließmuskels und anderer umliegender Strukturen durchgeführt werden. Hierdurch wird zum einen die Tumorlast deutlich reduziert. Zum anderen werden hierdurch weitere Komplikationen wie das Einwachsen des Tumors in die Harnblase oder anderer benachbarter Strukturen aufgehalten.
Wenn der Tumor in die Harnblase einwächst, führt das zu dramatischen Komplikationen: unstillbare Blutungen, kompletter Harnverhalt, chronische Schmerzen – die Lebensqualität der Patienten bricht regelrecht zusammen, warnen Urologen. 
Diese Infiltration in die Blasenwand ist keine Seltenheit: Bei etwa jedem dritten Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs kommt es im Krankheitsverlauf zu dieser Komplikation. Bisher gab es dagegen kaum eine wirksame Strategie.

Hormontherapie alleine reicht selten

Die Standardtherapie bei metastasiertem Prostatakrebs (PCa) ist die Hormonbehandlung, die dem Tumor das für sein Wachstum notwendige Testosteron entzieht. Diese Therapie gilt als unverzichtbar. Aber sie hat einen entscheidenden Nachteil: Sie braucht Zeit. Bis die volle Wirkung eintritt, vergehen Wochen, manchmal Monate. In dieser Zeit kann ein aggressiver Tumor irreversibel in die Blase einwachsen.
Genau hier setzt das neue Behandlungskonzept an, das an der Heidelberger Spezialklinik entwickelt wurde: eine Kombination aus Laser und Ultraschall. 
Die Greenlightlaser-Therapie wird in Heidelberg seit vielen Jahren in der Behandlung der gutartigen Prostata-Vergrößerung, der benignen Prostatahyperplasie (BPH) sehr erfolgreich eingesetzt. Kaum eine Klinik in Deutschland kann auf so hohe Behandlungszahlen verweisen wie die Klinik für Prostata-Therapie. 
Einen ebenso großen Erfahrungsschatz nutzen unsere Urologen beim Einsatz von hochintensiv-fokussiertem Ultraschall bei der Prostatakrebs-Behandlung. Bekannt ist das Verfahren unter der Kurzbezeichnung HIFU nach dem Sonablate 500-Prinzip („High-Intensity Focused Ultrasound“, zu Deutsch: „hoch-intensiv fokussierter Ultraschall“).
Das eigentlich Neue an der Behandlung von fortgeschrittenem, metastasierenden PCa ist die Kombination aus beiden Verfahren, dem Greenlightlaser und dem HIFU-Prinzip mittels Ultraschall. 

Zwei Tumorzellen
Viele Tumore lassen sich im fortgeschrittenen Stadium nur noch eingeschränkt behandeln. Um die Infiltration des Tumors in die Harnblase zu verhindern, bietet sich als Ergänzung zur notwendigen Hormonbehandlung eine Kombinationstherapie aus Laser und Ultraschall an.
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Der Weg muss frei werden

Der erste Schritt der Behandlung ist die Greenlightlaser-Therapie. Mit einem grünen Hochleistungslaser wird Tumorgewebe, das bereits in die Harnblase hineinwächst und die Harnröhre einengt, gezielt verdampft. Nach der Behandlung kann der Patient sofort wieder normal Wasserlassen – ein enormer Gewinn an Lebensqualität.
Die Greenlight-Technologie hat gegenüber klassischen Verfahren entscheidende Vorteile: Sie blutet kaum, kann auch bei Patienten mit Blutverdünnern sicher eingesetzt werden und erfordert meist nur einen kurzen Krankenhausaufenthalt.
Doch die Laser-Behandlung allein würde das eigentliche Problem nicht lösen: Der Tumor in der Prostata würde weiterwachsen und erneut in die Blase vordringen.

Den Tumor stoppen

Im zweiten Schritt kommt die HIFU-Behandlung ins Spiel. Dabei werden Schallwellen so gebündelt, dass sie im Tumorgewebe eine Temperatur von über 80 Grad Celsius erzeugen. Die Krebszellen werden regelrecht „gekocht” und sterben ab.
Das Entscheidende ist die präzise Fokussierung. Es wird in der Regel nicht die gesamte Prostata behandelt, sondern gezielt der Tumorherd, der die Blasenwand bedroht. Daher spricht man auch von einer halbseitigen oder fokalen HIFU-Behandlung.
Diese gezielte Vorgehensweise hat mehrere Vorteile: Die Behandlung ist schonender, die Nebenwirkungen geringer, und gesundes Gewebe wird maximal geschont.
Lange Zeit war unklar, in welcher Reihenfolge diese beiden Verfahren am sinnvollsten kombiniert werden sollten. Die klinische Erfahrung zeigt: Die Greenlight-Behandlung muss zuerst erfolgen.
Würde zunächst die HIFU-Behandlung erfolgen, entstünde ein massives Problem: Das abgestorbene Tumorgewebe würde anschwellen, und es könnte sich eine Nekrose oder ein Ödem bilden – die Harnröhre würde komplett blockiert. Der Patient bräuchte sofort einen Dauerkatheter.
Wird hingegen zuerst mit dem Greenlightlaser ein freier Kanal geschaffen, kann die nachfolgende HIFU-Behandlung keine Abflussprobleme mehr verursachen. 

Keine Alternative zur Systemtherapie

Die Kombinationstherapie ersetzt aber nicht die notwendige Hormonbehandlung. Bei Patienten mit Lymphknotenmetastasen ist die Androgendeprivationstherapie absolut unverzichtbar. Die Kombinationstherapie mit Laser und Ultraschall gilt als eine Ergänzung, nicht als Alternative. Damit lässt sich die kritische Zeit, bis die Systemtherapie ihre volle Wirkung entfaltet, überbrücken, und schwerwiegende lokale Komplikationen werden normalerweise verhindert.
Die Kombinationsmethode folgt damit einem multimodalen Ansatz: Während die Hormontherapie den Krebs im gesamten Körper bekämpft, kontrollieren Laser und HIFU den Tumor dort, wo er akut gefährlich wird – an der Blasenwand.

Behandlung nicht für jeden geeignet

Nicht jeder Patient mit fortgeschrittenem Prostatakrebs benötigt diese aufwändige Kombinationstherapie. Die Indikation ist sehr spezifisch:
• Der Patient muss für beide Eingriffe geeignet sein.
• Die Tumorlokalisation muss für eine gezielte HIFU-Behandlung zugänglich sein.

Wie jede medizinische Behandlung sind auch Greenlight und HIFU nicht frei von Nebenwirkungen. Vorübergehende kann es nach der Behandlung beim Wasserlassen durchaus zu Reizerscheinungen und Harnwegsinfekten kommen, in seltenen Fällen auch zur Harninkontinenz. Und nach einer HIFU-Therapie wurden auch Erektionsstörungen beobachtet. Allerdings erhalten die meisten Patienten eine Hormontherapie, die ebenfalls zu Erektionsstörungen führt. Die Alternative – eine komplette Blasenentfernung nach Infiltration – wäre im Vergleich allerdings wesentlich belastender.
Obwohl das Konzept noch relativ neu ist und größere Studien fehlen, sind die ersten klinischen Erfahrungen ermutigend. An unserer Klinik wurden Patienten beobachtet, die nach der Kombinationsbehandlung über Jahre hinweg keine Blaseninfiltration entwickelt haben. Dank lokaler Tumorkontrolle und parallel verlaufender Systemtherapie kann vielen Männern ein würdevolles Leben ermöglicht werden.
Besonders wichtig ist der richtige Zeitpunkt: Je früher die Behandlung einsetzt, desto besser. Wenn der Tumor erst einmal die gesamte Blasenwand durchsetz hat, ist es meist zu spät.

Zusammenarbeit gefragt

Die erfolgreiche Umsetzung dieser Therapiestrategie erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten. Urologen, Onkologen, Strahlentherapeuten und Radiologen müssen gemeinsam den optimalen Behandlungsplan für jeden einzelnen Patienten entwickeln. Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium ist keine Erkrankung mehr, die ein einzelner Arzt allein behandeln kann.